Nachdem ich am nächsten Tag wieder ausgiebig ausgeschlafen hatte, stand ich im späteren Vormittag vor der Türe des schönen Hauses, das ich in der Nacht entdeckt hatte, und klingelte.

Aber es öffnete niemand. Ich ging um das Haus herum und fand an der Seite eine Treppe auf die Terrasse.

Neugierig schaute ich ins Haus; es sah warm und gemütlich aus.

Auf der Terrasse stand ein Schachtisch - ob ich wohl auf die Hausbewohner warten und mir dort die Wartezeit vertreiben sollte?

Ich beschloss, ganz mutig zu sein, setzte mich und fing an zu spielen.

Ich war so in mein Spiel versunken, dass ich nicht gemerkt hatte, dass die Hausbesitzerin nach Hause gekommen war, denn plötzlich stand sie in der Terrassentür.

Sie schien nicht verwundert, mich an ihrem Schachtisch vorzufinden, begrüßte mich freundlich und stellte sich als Agathe Röslein vor; ich sollte sie Fräulein Röslein nennen.

Sie lud mich in ihre Küche ein und dort legte ich gleich los und erzählte die ganze Geschichte von Onkel Dirk, Bodo Borgmann und meiner Villa.

Das Thema Villa schien sie schmerzlich zu berühren und sie wollte nicht darüber sprechen.

Aber zu Bodo Borgmann hatte sie eine Menge zu sagen. Das sei ein schlechter Mensch, sagte sie mir.

Auf viele wirke er freundlich...

...aber das wäre nur eine Maske; er wäre grundschlecht.

Es gehe ihm nur ums Geld.

Er mache Mädchen in sich verliebt...

...um sie anschließend sitzen zu lassen.

Dann sagte sie, dass ich so ein nettes Mädchen wäre und es ihr leid tue, dass Bodo mich belästigt habe.

Sie lud mich zum Abendessen ein, aber vorher musste ich mal dringend auf ihr Örtchen. Auf dem Weg dorthin konnte ich aus einem Fenster das unfreundliche Haus von Bodo Borgmann sehen.

Beim Abendessen bat sie mich, sie morgen, wenn ich mit der Arbeit fertig wäre, anzurufen; sie wolle mir etwas zeigen und mir etwas erzählen.

Dann verabschiedete sie mich freundlich.

Nachdenklich verließ ich Fräulein Rösleins Haus.

Wie besprochen rief ich sie am nächsten Nachmittag, noch vom Polizeirevier aus, an.

Ich konnte mir nicht verkneifen, ihr als erstes zu erzählen, dass ich wieder befördert worden war; ich war jetzt Verkehrspolizistin.

Sie freute sich für mich und bat mich dann, zum Friedhof zu kommen. Ich war darüber sehr erstaunt; ich war noch nie auf dem Friedhof von Idyllingen Heights gewesen.
Natürlich machte ich mich sofort auf den Weg,
aber als ich ankam, war Fräulein Röslein noch nicht da.

Aber schon bald kam sie.

Sie ging ans Ende des Friedhofsgrundstücks, zu einer großen Trauerweide, und rief mich zu sich.

Unter der Trauerweide war ein kleines, bescheidenes Grab. Das, so sagte Fräulein Röslein, war das Grab meines Onkels Dirk.

Und dann weinte sie bitterlich.

Maries Sicht der Dinge - 11. Kapitel