
leider kann ich Dir gar nicht berichten, ob meine Nacht an der
Künstler-Werkstatt sich inspirierend auf mich ausgewirkt hat - ich habe
heute überhaupt nicht gemalt. Ich hatte einen zuerst etwas missglückten,
dann aber wunderschönen Tag und deshalb keine Zeit zum Malen.
Auf meine Träume hat sich meine nächtliche Umgebung aber auf jeden Fall
ausgewirkt; ich habe von schönen Farben...

...und zukünftigen Meisterwerken geträumt.

Zum Frühstück nahm ich mir ein Müsli, das sehr lecker schmeckte.

Natürlich habe ich auch abgespült; das ist das Mindeste, wenn man sich
schon kostenlos am Kühlschrank bedienen darf!

Leider zog ich mangels Dusche mal wieder grüne Wölkchen hinter mir her,
aber ich hatte keine Lust auf eine öffentliche Dusche. Ich beschloss, Sanja
zu besuchen und ihre Luxus-Wanne nochmal zu benutzen.

Gesagt, getan; ich klingelte an ihrer Tür. Hoffentlich war sie zuhause.

Sie war es und begrüßte mich freundlich.

Sie hatte allerdings überhaupt keine Zeit für mich; ihre kleine Tochter
Suse forderte ihre Aufmerksamkeit.

So ging ich, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, einfach ins Badezimmer
und setzte mich in die Wanne.

Liebe Anna, leider war das keine gute Idee! Die sonst so liebe und
freundliche Sanja erschien im Badezimmer und hielt mir einen Vortrag über
Höflichkeit.

Auweia!

Ich stieg aus der Wanne, nur wenig sauberer als vorher. Sanja war
wirklich richtig böse auf mich.

Ich verdrückte mich; es musste also doch die Dusche im Freibad sein.

Auf dem Weg dorthin fiel mir zum ersten Mal ein kleines Häuschen am
Strand auf; ob das ein Strandbad oder etwas in der Art war? Vielleicht gab
es da ja auch eine Dusche?

Ich stieg vom Rad und lief hin.

Das Häuschen entpuppte sich als eine Art Club, mit Sofas und
Musikanlage; das war bestimmt die Silbersinger Disco. Eine Dusche gab es
hier nicht.

Aber das Disco-Grundstück war traumhaft und ich beschloss, hier heute Abend
mein Zelt aufzuschlagen.

Ich flitzte schnell ins Freibad zum Duschen, kam dann aber sofort zurück
und pflanzte mich auf einen Liegenstuhl in die Sonne.

Plötzlich tauchte die grüne Zaunlatte, von der ich Dir schon erzählt
habe, auf; heute war sie allerdings nur obenrum grün. Sie setzte sich in den
Liegestuhl direkt neben mir, obwohl auch noch zwei andere frei waren.

Sie sagte kein Wort, sondern guckte nur muffig. Wieso setzte sie sich in
die Sonne, wenn ihr das offenbar gar nicht gefiel?

Ich hatte keine Lust, mir die Laune von dem sauertöpfischen Gesicht der
Zaunlatte verderben zu lassen; ich stand auf, um ein bisschen tanzen zu
gehen.

Auf meinem Weg zur Musikanlage sah ich Wanda; sie hatte den Grill
angeworfen. Herrlich, ich hatte nämlich Hunger.

Du glaubst es nicht, Anna: Die Zaunlatte kam mir doch tatsächlich
hinterher und fing auch an zu tanzen.

Wanda waren inzwischen ihre Würstchen gründlich misslungen und sie
guckte ziemlich frustriert.

Ich nahm mir natürlich trotzdem eins und setzte mich zu ihr. Unglaublicherweise kam mir die Zaunlatte schon wieder hinterher - was wollte
die bloß von mir?

Dann nahm sie sich aber auch ein Würstchen und setzte sich, zum Glück an
einen Tisch weit weg. Wanda wunderte sich, dass ihre verbrannten Würstchen
solchen Anklang fanden.

Oma hat uns ja immer dazu erzogen, Danke zu sagen. Also bedankte ich
mich bei Wanda für die Würstchen und sagte ihr, sie wären lecker gewesen, was
sie daran merken konnte, dass alle Teller leer geworden waren.

Wanda und ich unterhielten uns sehr nett. Die Zaunlatte packte derweil
einen Laptop aus; sie wollte wohl einen wichtigen Eindruck machen.
Hellgrünes, wild gemustertes Oberteil, kurze Pünktchenhose in lila, blassgelbe Kniestrümpfe
und ein Laptop - ich fand sie nur albern.

Ich hätte mich noch lange weiter unterhalten können, aber Wanda war
müde.

Es war aber auch wirklich sehr spät geworden und so stellte ich mein Zelt
auf, ziemlich direkt am Ufer der idyllischen kleinen Bucht.

Heute Nacht werden mich also Wellengeräusche in den Schlaf wiegen, das
ist bestimmt wunderschön. Ich bin inzwischen so froh, dass der Pilot mich
hier in Silbersang einfach abgesetzt hat; ohne ihn hätte ich dieses schöne
Fleckchen Erde gar nicht entdeckt.
Schlaf gut, kleine Schwester; ich wünschte, Du wärest bei mir und
könntest auch die Wellen hören.

Liebe Anna... 7. Brief