
noch bist Du nicht Tante, aber ich glaube, dass es nicht mehr allzu
lange dauert. Ich werde stündlich runder und in meinem Bauch strampelt und
hampelt es gewaltig.
Natürlich träumte ich von meinem Baby und davon, was ich alles für es
brauchen würde. Schuhe gehören allerdings nicht dazu; seine erste Lebenszeit
wird es barfuß verbringen, das ist viel gesünder.

Nach dem Aufwachen räumte ich mein Zelt weg. Ich könnte es hier
natürlich auch stehen lassen, aber mir gefällt es tagsüber besser ohne Zelt.

Ich weihte meinen 'neuen' Tisch ein und frühstückte ein Müsli.

Dann setzte ich mir vor meinen Unterstand und laß das Buch von der
werdenden Mutter fertig. Es schien schon ein älteres Buch zu sein, denn ich
hatte den Eindruck, dass die werdende Mutter in dem Buch irgendwie sehr
merkwürdig war. Stell Dir vor, sie empfahl warme Bauchwickel, um das Baby zu
beruhigen, wenn es im Bauch strampelt!

Fahrradfahren mit dickem Bauch ist zwar etwas beschwerlich, aber es
musste trotzdem sein.

Ich hatte nämlich Sehnsucht nach einem Bad in warmem Wasser; mir
tat der Rücken ziemlich weh und ich hoffte, dass ein Bad mir gut tun würde.
Ganz abgesehen davon, dass ich es auch hygienemäßig dringend brauchte.

Es war herrlich entspannend, im warmen Wasser zu sitzen.

Nicht weit von der Scheune weg liegt das Krankenhaus. Dort wollte ich
auch noch hin und fragen, ob Pius Dienst hatte. Ich wollte mich gerne
untersuchen lassen, um sicher zu gehen, dass es mir und meinem Baby gut
geht.

Ich musste gar nicht fragen, ob Pius da war; ich konnte schon aus
einiger Entfernung sein Auto sehen.

Die Untersuchung war sehr ausgiebig; dann erfreute mich Pius mit der
Nachricht, dass mein Kleines und ich kerngesund wären.

Ich hatte ihm erzählt, dass ich die 'Geschichten einer werdenden Mutter'
gelesen hatte, was er sehr lustig fand. Er empfahl mir ein ernstzunehmendes
Buch für die Geburtsvorbereitung, das ich lesen sollte. Also radelte ich zur
Bibliothek; Pius hatte gemeint, hier würde ich das Buch mit Sicherheit in
einem der Regale finden.

Die Bibliothek war, wie alle Gebäude in Silbersang, hell, einladend und
freundlich.

Ich fand das Buch sehr schnell und suchte mir den gemütlichsten Sessel,
um es zu lesen.

Sehr viel weiter half mir dieses Buch aber auch nicht; offenbar waren
weltenbummelnde ledige Mütter jenseits der Vorstellungskraft der Autorin.

Ich radelte zum Unterstand zurück; ich war müde. Schwanger sein ist so
anstrengend!

Am Unterstand angekommen, erwartete mich etwas völlig Unerwartetes: Mein
Unterstand hatte einen kleinen Anbau bekommen in Form eines Bretterzauns,
mit einer Türe darin. Was war das denn?

Neugierig ging ich hinein. Anna, es war der Wahnsinn: Da stand das alte
Klo, das ich gestern mühsam in den Unterstand geschleppt hatte, und eine
nicht sehr moderne, aber saubere Badewanne! Das musste Onnos Werk sein, das
erkannte ich eindeutig an den Fisch-Handtüchern, die über der Badewanne
aufgehängt waren. Er hatte sogar einen Spiegel und einen Klopapierhalter
angebracht. Und auf dem Wannenrand saß ein quietschgelbes Bade-Entchen.

Ich war so gerührt; er war so lieb und so besorgt um mich. Ich wollte
ihn natürlich sofort anrufen, aber er war nicht da; er arbeitet nachmittags
im Lebensmittelladen.

Also machte ich erst mal ein Nickerchen auf meinem Sofa; damit es
gemütlicher war, hatte ich den Kamin angezündet.

Das Schlafen tat ausgesprochen gut und ich fand, dass ich es sehr gut
hatte, so wie es war.

Onno musste mit der Arbeit inzwischen fertig sein; also versuchte ich
nochmal, ihn zu erreichen. Er wartete gar nicht ab, was ich eigentlich sagen
wollte, sondern kündigte an, dass er, wenn ich nichts dagegen hätte, jetzt
vorbei käme.

Ich hatte natürlich nichts dagegen; im Gegenteil - ich war so froh,
einen solchen Freund wie ihn gefunden zu haben.

Ich bedankte mich bei ihm für seine Mühe und alles, was er für mich
getan hatte.

Er wurde ganz verlegen und erzählte in nicht sehr zusammen hängenden
Sätzen von kleineren Grabungsarbeiten, um den Bretterzaun im Boden zu
verankern.

Dann erkundigte er sich ganz fürsorglich, ob es dem Baby und mir gut
gehen würde.

Ich erzählte ihm von meinem Besuch im Krankenhaus und von den Büchern,
die ich heute gelesen hatte. Ein bisschen Angst vor der Geburt hatte ich
trotzdem.

Onno meinte, mein Tag wäre sehr anstrengend gewesen und ich gehöre zum
Schlafen in mein Zelt. Also stellte ich es brav auf und kletterte hinein;
mit einem so dicken Babybauch ist das gar nicht so einfach.

Nun liege ich in meinem Zelt und kann nicht schlafen; ich bin zu
aufgeregt. Von draußen dringen sehr gemütliche Geräusche an meine Ohren,
denn Onno hat beschlossen, die Nacht über auf mich aufzupassen. Er hat sich
zum Schlafen auf eine der Bänke vor dem Unterstand gelegt und schnarcht friedlich
vor sich hin.

So wie es sich anfühlt, Anna, wirst Du morgen Tante. Ich bin schon so
gespannt, ob mein Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. Ganz heimlich wünsche
ich mir ja ein Mädchen, das, wenn es groß ist, so wie Du ist, meine kluge
und besonnene Schwester. Aber natürlich werde ich auch einen kleinen Jungen
lieb haben.

Liebe Anna... 15. Brief