
ich glaube, Du setzt Dich jetzt am Besten erst mal hin. Falls Du den
Brief Oma laut vorlesen solltest, höre jetzt bitte damit auf, ja? Ich muss
Dir etwas sagen.
Anna, ich habe gar keine Magenverstimmung. Ich bin schwanger! Ich habe
es heute morgen, unmittelbar nach dem Aufwachen festgestellt.

Du fragst Dich jetzt sicherlich, wie und wann das passieren konnte. Ganz
ehrlich, im Grunde frage ich mich das auch. Ich weiß natürlich, wann es war
und wer der Vater des Babys ist. Es ist der Typ, der sein Zelt an der alten
Scheune aufgeschlagen hatte.
Ich konnte in der Nacht nicht schlafen und bin wieder aufgestanden. Zu
meinem Entsetzen kam der Typ auch grade aus seinem Zelt.

Ich muss aber wohl doch halb am Schlafen gewesen sein, denn als er anfing, mir
Süßholz vorzuraspeln, habe ich mir das gefallen lassen.

Naja, so kam dann eins zum anderen und schließlich landeten wir in
seinem Zelt. Ich fürchte, das
war einer der berühmten Ruth-Aussetzer, die ich zwar nicht oft, aber hin und
wieder mal habe, wie Du weißt.

Ich war heilfroh, als der Typ am nächsten Morgen weg war; die Ereignisse
der Nacht waren mir sehr peinlich. Und nun erwarte ich sein Kind - und weiß
noch nicht mal, wie er heißt oder wo er eigentlich her gekommen war.

Ich werde das trotzdem schaffen - ich bin schließlich nicht die erste
ledige Mutter!

In meiner alten Schlafanzughose, die als Schwangerschaftshose dienen
muss, schwang ich mich auf mein Fahrrad, denn als erstes brauchte ich
unbedingt zwei Dinge:

Eine Dusche...

...und etwas zu essen.

Während ich mein Frühstückswürstchen vertilgte, schmiedete ich Pläne; ich
musste heraus finden, ob es in Silbersang sowas wie ein Mutter-Kind-Heim
gibt.

Ich machte mich auf zum Rathaus; hier konnte man mir dazu bestimmt Auskunft geben.

Die Auskunft war nicht sehr erfreulich; auf ledige
Rucksack-Touristen-Mütter ist Silbersang nicht eingestellt.

Ich saß, wie schon einmal, auf dem Brunnenrand und grübelte. Ich
brauchte unbedingt sowas wie einen Kinderwagen oder ein Babybettchen. Babybettchen...
Wo hatte ich bloß neulich eins gesehen?

Plötzlich fiel es mir ein: Die Sperrmüll-Möbel bei dem Unterstand am
Strand! Ich musste sofort nachgucken, ob sie noch da waren.

Tatsächlich, die Möbelansammlung war unverändert.

Da war das Bettchen - nicht schön und auch nicht neu, aber eindeutig ein
Babybettchen! Als ich die anderen Dinge, die dort rumstanden, betrachtete,
kam mir eine Idee: Hier waren lauter alte Möbel, die ich für eine Weile gut
brauchen konnte, und einen Unterstand gab es auch. Ich beschloss, die Möbel
in den Unterstand zur räumen und mir und meinem Baby so ein einfaches
Zuhause auf Zeit einzurichten. Sogar eine wackelige Staffelei gab es.

Gesagt, getan. Die Bänke, die in dem Unterstand standen, stelle ich
raus; die alten Möbel schleppte, schob und zog ich in den Unterstand.

Es wurde ein richtiges Zimmer.

Im Unterstand hatte ich noch einen alten Waschtisch gefunden, so dass
ich, bis auf eine Dusche oder Badewanne, wirklich alles hatte, was mein Kind
und ich brauchen würden.

Ich war begeistert!

In dem Bücherregal fand ich sogar ein Buch über Schwangerschaften, das
'Geschichten einer werdenden Mutter' hieß.

Ich setzte mich auf eine der Bänke und las ein bisschen
darin.

Die wackelige Staffelei hatte ich draußen aufgestellt und weihte sie
direkt ein.

Als es dunkel wurde, rief ich Onno an und erklärte ihm, wo ich war. Ich
frage, ob er wohl vorbei kommen wollte.

Er wollte. Ich setzte mich und wartete auf ihn.

Schließlich kam er, in seinen heißgeliebten Gummistiefeln, wie immer.

Ich druckste ein bisschen rum; es war mir etwas peinlich, ihm die
Neuigkeiten zu erklären.

Aber schließlich sagte ich ihm, dass ich schwanger sei...

...und mir und dem Baby hier ein provisorisches Zuhause eingerichtet
hätte. Kein Luxushäuschen, aber immerhin.

Onno war, gelinde gesagt, ziemlich von den Socken. Aber er klopfte mir
auf die Schulter und machte mir Mut; er glaubte auch, dass ich es schaffen
würde.

Er war rührend besorgt um mich.

Auf dem Grundstück gab es einen rostigen Feuerkessel; an den setzten wir
uns. Ich grillte mir eine Kartoffel, Onno röstete Marshmallows.

Dann verabschiedeten wir uns.

Das einzige, was es bei den alten Möbeln nicht gegeben hatte, war ein
Bett. Also stellte ich mein Zelt auf, neben die Feuerstelle.

Hier werde ich also die nächste Zeit zubringen. Viel ist es nicht, was
ich meinem Kind werde bieten können, aber dafür kann es immer die Wellen am
Strand hören.
Liebe Anna, meinst Du, Du kannst Oma diese Neuigkeit irgendwie schonend
beibringen? Sie wird sich sicherlich fürchterliche Sorgen machen; bitte sag
ihr, dass sie das nicht muss. Es geht mir gut und ich freue mich auf
mein Baby, auch wenn es gar nicht geplant war. Was hatte nochmal auf dem
Zettel aus dem Glückskeks gestanden, den ich an dem mysteriösen Strand
gelesen hatte? 'Unverhofft kommt oft' - wie wahr!
Anna, Du wirst Tante - ist das nicht eigentlich wunderbar?

Liebe Anna... 14. Brief