Liebe Anna... 14. Brief


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ich glaube, Du setzt Dich jetzt am Besten erst mal hin. Falls Du den Brief Oma laut vorlesen solltest, höre jetzt bitte damit auf, ja? Ich muss Dir etwas sagen. 

Anna, ich habe gar keine Magenverstimmung. Ich bin schwanger! Ich habe es heute morgen, unmittelbar nach dem Aufwachen festgestellt.


Du fragst Dich jetzt sicherlich, wie und wann das passieren konnte. Ganz ehrlich, im Grunde frage ich mich das auch. Ich weiß natürlich, wann es war und wer der Vater des Babys ist. Es ist der Typ, der sein Zelt an der alten Scheune aufgeschlagen hatte.

Ich konnte in der Nacht nicht schlafen und bin wieder aufgestanden. Zu meinem Entsetzen kam der Typ auch grade aus seinem Zelt.


Ich muss aber wohl doch halb am Schlafen gewesen sein, denn als er anfing, mir Süßholz vorzuraspeln, habe ich mir das gefallen lassen.


Naja, so kam dann eins zum anderen und schließlich landeten wir in seinem Zelt. Ich fürchte, das war einer der berühmten Ruth-Aussetzer, die ich zwar nicht oft, aber hin und wieder mal habe, wie Du weißt.


Ich war heilfroh, als der Typ am nächsten Morgen weg war; die Ereignisse der Nacht waren mir sehr peinlich. Und nun erwarte ich sein Kind - und weiß noch nicht mal, wie er heißt oder wo er eigentlich her gekommen war.


Ich werde das trotzdem schaffen - ich bin schließlich nicht die erste ledige Mutter!


In meiner alten Schlafanzughose, die als Schwangerschaftshose dienen muss, schwang ich mich auf mein Fahrrad, denn als erstes brauchte ich unbedingt zwei Dinge:


Eine Dusche...


...und etwas zu essen.


Während ich mein Frühstückswürstchen vertilgte, schmiedete ich Pläne; ich musste heraus finden, ob es in Silbersang sowas wie ein Mutter-Kind-Heim gibt.


Ich machte mich auf zum Rathaus; hier konnte man mir dazu bestimmt Auskunft geben.


Die Auskunft war nicht sehr erfreulich; auf ledige Rucksack-Touristen-Mütter ist Silbersang nicht eingestellt.


Ich saß, wie schon einmal, auf dem Brunnenrand und grübelte. Ich brauchte unbedingt sowas wie einen Kinderwagen oder ein Babybettchen. Babybettchen... Wo hatte ich bloß neulich eins gesehen?


Plötzlich fiel es mir ein: Die Sperrmüll-Möbel bei dem Unterstand am Strand! Ich musste sofort nachgucken, ob sie noch da waren.


Tatsächlich, die Möbelansammlung war unverändert.


Da war das Bettchen - nicht schön und auch nicht neu, aber eindeutig ein Babybettchen! Als ich die anderen Dinge, die dort rumstanden, betrachtete, kam mir eine Idee: Hier waren lauter alte Möbel, die ich für eine Weile gut brauchen konnte, und einen Unterstand gab es auch. Ich beschloss, die Möbel in den Unterstand zur räumen und mir und meinem Baby so ein einfaches Zuhause auf Zeit einzurichten. Sogar eine wackelige Staffelei gab es.


Gesagt, getan. Die Bänke, die in dem Unterstand standen, stelle ich raus; die alten Möbel schleppte, schob und zog ich in den Unterstand.


Es wurde ein richtiges Zimmer.


Im Unterstand hatte ich noch einen alten Waschtisch gefunden, so dass ich, bis auf eine Dusche oder Badewanne, wirklich alles hatte, was mein Kind und ich brauchen würden.


Ich war begeistert!


In dem Bücherregal fand ich sogar ein Buch über Schwangerschaften, das 'Geschichten einer werdenden Mutter' hieß.


Ich setzte mich auf eine der Bänke und las ein bisschen darin.


Die wackelige Staffelei hatte ich draußen aufgestellt und weihte sie direkt ein.


Als es dunkel wurde, rief ich Onno an und erklärte ihm, wo ich war. Ich frage, ob er wohl vorbei kommen wollte.


Er wollte. Ich setzte mich und wartete auf ihn.


Schließlich kam er, in seinen heißgeliebten Gummistiefeln, wie immer.


Ich druckste ein bisschen rum; es war mir etwas peinlich, ihm die Neuigkeiten zu erklären.


Aber schließlich sagte ich ihm, dass ich schwanger sei...


...und mir und dem Baby hier ein provisorisches Zuhause eingerichtet hätte. Kein Luxushäuschen, aber immerhin.


Onno war, gelinde gesagt, ziemlich von den Socken. Aber er klopfte mir auf die Schulter und machte mir Mut; er glaubte auch, dass ich es schaffen würde.


Er war rührend besorgt um mich.


Auf dem Grundstück gab es einen rostigen Feuerkessel; an den setzten wir uns. Ich grillte mir eine Kartoffel, Onno röstete Marshmallows.


Dann verabschiedeten wir uns.


Das einzige, was es bei den alten Möbeln nicht gegeben hatte, war ein Bett. Also stellte ich mein Zelt auf, neben die Feuerstelle.


Hier werde ich also die nächste Zeit zubringen. Viel ist es nicht, was ich meinem Kind werde bieten können, aber dafür kann es immer die Wellen am Strand hören.

Liebe Anna, meinst Du, Du kannst Oma diese Neuigkeit irgendwie schonend beibringen? Sie wird sich sicherlich fürchterliche Sorgen machen; bitte sag ihr, dass sie das nicht muss. Es geht mir gut und ich freue mich auf mein Baby, auch wenn es gar nicht geplant war. Was hatte nochmal auf dem Zettel aus dem Glückskeks gestanden, den ich an dem mysteriösen Strand gelesen hatte? 'Unverhofft kommt oft' - wie wahr!

Anna, Du wirst Tante - ist das nicht eigentlich wunderbar?


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